Leseprobe: "Alexis - Doping für die Rentiere"

Die Geschichte von Alexis, einer Festungsinsel namens „Pfaffenmütze“ und kleinen, scharfen Kügelchen mit eigenartiger Wirkung

 

Mes amis, Sie erinnern sich sicher, dass die Bewohner des Dörfchens Berchem, heute Bergheim an der Sieg, anno 1816 ihre Weihnachtsgeschenke aufgrund besonderer Umstände, die Sie bitte der letzten Geschichte aus meinem dritten Band „Alexis – Das Geheimnis des roten Samtbeutels“ entnehmen, nicht erhalten hatten. Allerdings war der Nikolaus so überaus gnädig gewesen, eine nachträgliche Bescherung zu genehmigen. Ein Grund dafür mag gewesen sein, dass die Bewohner von Bergheim, nachfolgend auch Berchem genannt, im Jahre 1814 eine große Brandkatastrophe erlebt hatten, von deren Folgen sie sich noch längst nicht erholt hatten. Wäre die Bescherung nun ausgefallen, so wäre das für die Menschen eine große Enttäuschung gewesen.

Also machten sich Piet van Oemmel und meine Wenigkeit in der Nacht zum 2. Weihnachtsfeiertag des Jahres 1816 auf den Weg und holten das Versäumte nach. Unterwegs erzählte mir der Pirat aus Flandern seine Geschichte:

 

Alors, Piet war ein junger Bauer aus einem kleinen Kaff in Nordflandern gewesen, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts gelebt hatte.

Seit zwei Jahren tobte der Dreißigjährige Krieg. Außerdem flammten immer wieder andere militärische Streitigkeiten auf, die sich ebenfalls über Jahrzehnte hinzogen. Genannt seien an dieser Stelle die Differenzen zwischen Spanien und den Niederlanden. Mes amis, ersparen Sie mir die Einzelheiten, Sie können sie in einschlägigen Geschichtsbüchern oder in diesem neumodischen Internet nachlesen, das sich inzwischen allergrößter Beliebtheit erfreut.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang nur, dass es grausame Gemetzel waren, die – zumeist im Namen des „richtigen“ Glaubens – ungezählten Menschen das Leben nahmen oder für immer zerstörten. Katholiken kämpften gegen Lutheraner. Dabei wurden ganze Landstriche verwüstet. Im Jahre 1620, nebenbei bemerkt, meinem Geburtsjahr, versuchten die evangelisch ausgerichteten Niederlande, ihr erobertes Terrain im Rheinland gegen aus dem Süden vorrückende Truppen aus Spanien und dem Herzogtum Pfalz-Neuburg zu sichern. Dafür errichteten sie unter anderem Festungsinseln im Rhein.

Eine davon war das im rheinischen Volksmund genannte Eiländchen „Paffemötz“, das an der Siegmündung bei Berchem lag. Heute wird der Ort „Bergheim“ genannt. Die Insel gibt es noch. Sie ist aber mittlerweile aus Gründen, die zum Teil die Natur selbst zu vertreten hat, zur Halbinsel geworden.

Die niederländischen Besatzer der Pfaffenmütze – die Insel erhielt diesen Namen wegen ihrer Ähnlichkeit mit einer priesterlichen Kopfbedeckung – waren bei der einheimischen Bevölkerung denkbar unbeliebt. Sie forderten Abgaben und terrorisierten die Dörfler an der unteren Sieg. Auch die Schiffer hatten für ihre Ladungen Zölle zu entrichten, wenn sie die Pfaffenmütze passierten.

 

Jener Piet aus Flandern, um wieder auf den Freibeuter zurückzukommen, hatte sich freiwillig und voller Begeisterung zum Kriegsdienst gemeldet, sehr zur Betrübnis seiner Mutter. Sie fürchtete, ihr einziger Sohn würde seine Heimat vergessen und nie mehr nach Hause kommen. Mit dieser Annahme lag sie absolut richtig, denn Piet sollte seine Familie nicht mehr wiedersehen. Der junge Heißsporn benahm sich wie viele seiner Kameraden, die wie im Rausche ganze Dörfer plünderten, Männer töteten und Frauen vergewaltigten, als sie, natürlich alles im Namen des „richtigen“ Glaubens, durch die feindlichen Lande zogen.