Leseprobe: "Alexis und das Geheimnis des roten Samtbeutels"

 

Die Geschichte von Alexis
und dem Geheimnis des roten Samtbeutels

 

 

Es war saukalt. Ich lag nackt mit angezogenen Beinen auf einer Steinstufe. Die dicke Marthe, eine Küchenhilfe im Dienste Ludwigs XIII., hatte mir gerade die Federn ausgerupft und mich unsanft auf die Kellertreppe des Louvre befördert. Höchstens noch eine halbe Stunde, dann würde ich im Verein mit anderen jungen Hühnern, Gewürzen und Speck in einem Schmortopf köcheln und später als „Poularde à la Reine“ auf dem Tisch des Königs landen. Wie freute ich mich auf das warme Herdfeuer …

 

„Alexis, he, wach auf!“ Irgendjemand rüttelte an mir. Mit gemischten Gefühlen schlug ich die Augen auf. Einerseits bedauerte ich, dass ich nicht im kuscheligen Bräter landen würde, auf der anderen Seite war es auch kein Vergnügen, die letzten Stunden eines Masthähnchens zu durchleben.

Ich lag in verdrehter Haltung auf dem Rücksitz eines Schlittens. Um mich herum war alles dunkel und sehr, sehr eisig. Noch ein wenig benommen nahm ich wahr, dass es der Chef war, der mich aus den Träumen gerissen hatte. Der Nikolaus, dessen Knopfaugen besorgt auf mich herabblickten, sah ziemlich übel aus. Gesicht und Hände waren stark verschrammt und die rote Samtmütze, die seine Haarpracht bändigte, hatte das Weite gesucht. Seine Frisur war ziemlich zerzaust.

Meine Gliedmaßen waren taub vor Kälte. „Chef, wo sind wir hier gelandet?“ „Na, ich vermute mal auf einem Eisberg“, entgegnete der oberste Weihnachtsmann. So langsam dämmerte mir, was geschehen war.

Der Nikolaus war am Morgen des 20. Dezember 2009 zu mir in die WGVHS gekommen, wo ich gerade Pakete sortierte. Begeistert hatte er mir erzählt, sein Schlitten sei nun endlich gründlich überholt worden. Die himmlischen Mechaniker hätten ihm eine ultramoderne Steuerung eingebaut. Das Kufenmobil sei nun viel wendiger und ob ich nicht Lust hätte, einen kleinen Probeflug mit ihm zu unternehmen? Ich überlegte nicht lange. Ja, ich muss gestehen, dass ich mich ein klein wenig geschmeichelt fühlte. Schließlich ist es eher die Ausnahme als die Regel, dass der Chef mich zu einer Ausflugsfahrt einlädt. Außerdem ist der Schlitten des obersten Weihnachtsmannes schließlich so etwas wie der bevorzugte Rolls Royce der Queen, ein wahres Luxusgefährt. Neben beheizbaren Sitzen und Pelzdecken verfügt er auch über eine kleine Glühweinzapfanlage und über einen eingebauten Plätzchen-Vollautomaten, der im Prinzip wie eine dieser neumodischen Kaffeemaschinen funktioniert: Ein Knopfdruck, und schon hält man die neuesten créations des Krummziebel Josef in der Hand, natürlich ofenwarm.

Der Chef und ich flogen zur Schlittenreparaturwerkstatt. Auf dem Vorplatz stand das auf Hochglanz polierte Gefährt. Renate und Hildegard, zwei Rentiere aus den himmlischen Ställen, bildeten das Gespann. Wir stiegen ein und hoben ab. Über Belgien drehten wir eine kleine Runde, dann lenkte der Chef den Schlitten über den Ärmelkanal. Dort übte er einige Wendemanöver, Steilflüge und Loopings. Alles klappte perfekt. Der Chef, sonst eher ein kritischer Charakter, war restlos begeistert über das reibungslose Zusammenspiel zwischen Schlitten und Rentieren und sang lauthals Weihnachtslieder. Obwohl er gänzlich unmusikalisch ist, singt er immer, wenn er sich freut. Ich stimmte ein, und so intonierten wir, während wir Richtung Schottland sausten, lauthals „Santa Claus is coming to town!“

Es war ein grandioser Wintertag. Die Sonnenstrahlen glitzerten auf dem Wasser, es war kalt, aber nahezu windstill. Und in vier Tagen war Weihnachten! Konnte es etwas Schöneres geben?

 

„Was meinst du, Alexis, haben wir noch ein wenig Zeit für einen Flug zum Nordpol?“ Eigentlich hätten wir umkehren müssen, denn bis zum Heiligabend waren es noch viele Tausend Pakete, die es zu verladen galt. Aber der Flug in diesem Superschlitten machte mir so viel Spaß, dass ich entgegnete: „Naturellement, Chef, warum nicht?“ Also flogen wir weiter. Es wurde schnell kälter. Ich wickelte mich fester in die weiche Pelzdecke. Über Island wurde das Wetter schlechter, Sturm brauste auf und der Regen peitschte uns um die Ohren. Der Chef lenkte den Schlitten nach oben über die Wolken. Wir flogen weiter. Als das Wetter sich beruhigte, tauchten wir wieder in die Wolkendecke ein, um den Ausblick auf das ewige Eis zu genießen. Aber gerade, als der Chef sagte: „Es ist Zeit zur Umkehr!“, bekam Renate den Schluckauf. Auweia, der sogenannte Rentier-Gluckser ist eine gefährliche Krankheit und unter Hirscharten zudem sehr ansteckend. HICKS, HICKS – der Schlitten hoppelte im Takt von Renates Zwerchfellkontraktionen durch die eisige Atmosphäre. Es dauerte nicht lange, und Hildegard hickste ebenfalls. Mes amis, Sie ahnen sicherlich, was dann passierte. Die Rentiere waren so sehr mit ihrem Schluckauf beschäftigt, dass sie sich nicht mehr lenken ließen. Der Schlitten machte heftige Bocksprünge und verlor dabei stetig an Höhe. Irgendwas an der Steuerung klemmte. Der Eisberg unter uns kam immer näher …