Leseprobe: "Alexis - Weihnachtsmann in Not"

 

Die Geschichte von Alexis, jeder Menge Kuhmist,
den Freuden und Leiden des Spielens und gaaaanz schweren Jungs

 

M

es amis, Ihre Neugier soll gestillt werden. Ich will Ihnen verraten, was ich erlebte, nachdem man im Jahre 2004 vergessen hatte, mich wieder in den Himmel zu befördern.

Knüpfen wir also just an der Stelle an, an der Sie mich auf einem Südtiroler Berghang in der Sonne sitzend verlassen haben. Wie gesagt, ich war ausgesprochen hungrig. In der Nähe erklang ein mehrstimmiges Glockengeläut. Ich folgerte daraus, wenn hier oben Kühe weideten, dann war bestimmt ein Bergbauernhof in der Nähe. Also machte ich mich auf die Suche, und schon bald hatte ich die friedlich grasende Herde gefunden. Ich erwog kurz, eine Kuh zu melken, unterließ dieses Vorhaben aber in meinem und im Interesse des Rindviehs.

Der alpine Stützpunkt des hiesigen Bergbauern erwies sich als eine etwas größere Holzhütte mit angrenzendem Stall. „Hallo, jemand daheim?“, rief ich. Aber außer dem Knurren meines Magens erhielt ich keine Antwort. Ich ging um das Haus herum und warf einen Blick in den Stall. Doch hier gackerten nur ein paar Hühner, sonst hieß mich niemand willkommen. Ich marschierte wieder zurück und stellte fest, dass die Eingangstür zur Wohnhütte nur angelehnt war. Also praktisch eine Aufforderung zum Eintreten. Die Anzahl der Räume war begrenzt. Neben einer großen Küche und zwei Schlafräumen gab es nur noch die Speisekammer. Halleluja! Endlich konnte ich mir den Bauch vollschlagen. Und welche Wonnen erwarteten mich hier! Geräucherte Schinken, die von der Decke baumelten, eine Kette aus Würsten, ein Fässchen mit frischer Rahmbutter, ein dicker Laib Käse und wunderbares Brot. Die Speisen verströmten einen allzu verlockenden Duft. Das war wahrlich der Himmel auf Erden! Bald saß ich in der Stube und pries die Südtiroler Gastfreundschaft. Köstlich, vor allem der Wein, mit dem ich die Bissen hinunterspülte. Ich wollte mir gerade noch ein Schlückchen aus der bouteille genehmigen, als ich hörte, dass ein Wagen vor der Hütte hielt. Stimmen näherten sich und die Tür ging auf. Eine junge Frau mit Kopftuch und Schürze kam herein, gefolgt von zwei Schäferhunden. Ich stand auf. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Alexis der Große und eigentlich ein Weihnachtsengel, den man vergessen hat, in den Himmel zurückzuschicken. Und Sie sind bestimmt die Bäuerin?“ Die Frau starrte mich an. Ihr Blick wanderte von den Brotkrümeln auf dem Tisch zu der Weinflasche und dann zu mir. Dann wandte sie sich zur Tür und rief laut: „Luuudwig, kummst nauf?“

 

Jetzt, wo ich Mensch war, konnte ich es so oft und so laut sagen, wie ich wollte, ohne dass mir der Nikolaus die Flügel stutzte: „Merde, merde, merde!“ Das passte hundertprozentig. Denn nachdem die Dame ihren Gatten gerufen hatte, ein stämmiger Herr übrigens, mit dem ich ungern meine Kräfte gemessen hätte, forderte dieser umgehend die Bezahlung des üppigen Mahls, das ich genossen hatte. Ich war nicht gewillt, meinen bescheidenen Bestand an Bargeld herauszurücken, und so beschloss die Familie einstimmig – mittlerweile waren noch zwei Schulbuben und ein greiser Herr ohne Zähne angerückt – dass ich mir mein Essen verdienen sollte.

 

So kam es, dass ich eine Betätigung verrichten durfte, deren Arbeitsablauf ich nur zu gut kannte: Stallausmisten. Nur, dass es sich hier nicht um himmlische Rentierexkremente handelte, sondern um weitaus intensiver duftenden Kuhmist. Und das unter der scharfen Bewachung des zahnlosen Alten, der auf einer Bank vor dem Kuhstall saß und eine Mistgabel im Anschlag hielt. Da ich nicht die geringste Lust hatte, den schönen Tag in dieser stinkenden Umgebung zu vergeuden, griff ich zu einer List. Ich ließ die Forke fallen und legte in einer dramatischen Geste die Hand auf mein Herz. Dann sank ich röchelnd zu Boden. Der Greis kam in den Stall, besah sich die Lage – und ging zur Stallwand, wo Eimer standen. Alsdann goss er mir einen Kübel eiskalten Wassers ins Gesicht. Das reichte! Ich sprang auf, packte den Greis und hob ihn über die Absperrung in die Futterrinne. Dann gab ich Fersengeld und rannte, von den bellenden Hunden gefolgt, davon. Als ich endlich im Tal angekommen war, sah ich reichlich lädiert aus. Die Kleidung war zerrissen und schmutzig. Überall an meinem Körper fühlte ich Stacheln. Denn die einzige Möglichkeit, die ich gesehen hatte, den geifernden Bestien zu entkommen, war die, in ein Brombeergestrüpp zu hechten. Ich war völlig fertig.