Leseprobe "Alexis - Ein Weihnachts(b)engel erzählt ..."

Alexis – ein Weihnachts(b)engel stellt sich vor

Glauben Sie an das Christkind? So mit Engelhaar, Flügeln und weißem Flatterhemd? Das ist nämlich die meistverbreitete Version. Falls ja, dann sollten Sie etwas Zeit in meine mémoires investieren, ich räume nämlich mit den landläufigen Vorurteilen auf.

 

Zunächst möchte ich mich vorstellen: Ich heiße Alexis und bin seit einer halben Ewigkeit ein „Engel“. Ich habe von 1620 bis 1642 gelebt und war gegen Ende meines kurzen Lebens als Diener bei Kardinal Richelieu beschäftigt. Mein „Job“, so sagt man heute, bestand darin, seine Speisen auf eventuelle giftige Substanzen zu testen. So ein wichtiger Mann hat schließlich immer seine Widersacher, nur ist heute die Beseitigung von Personen des öffentlichen Lebens etwas subtiler geworden. Heute könnte man beispielsweise einen Mann wie Richelieu über die Medien untragbar machen, ohne ihn zu töten.

Nun gut, die Zeiten haben sich geändert. Ich war also Speisen­vorkoster bei dem mächtigen Mann, ganze drei Tage lang. Dann bestätigten sich die negativen Vermutungen meines Arbeitgebers: Das Hühnchen in Weißweinsauce war mit Arsen versetzt.

Während des Sterbeprozesses merkte ich, wie sich meine Seele vom Körper löste. Ich schwebte durch den Speisesaal, dann durch den Palast, dann durch Paris. Ich war in der Lage, viele Dinge gleichzeitig wahrzunehmen. Ich sah den Bäcker in Nancy, der seine Frau verprügelte. Ich sah die Grauen des Dreißigjährigen Krieges. Ich schaute auf die kämpfenden Bauern in China, die der Ming-Dynastie ein Ende bereiteten. Und, und, und … Es war und ist sehr interessant, einige Vorgänge auf Erden gleichzeitig zu verfolgen, ohne selbst gesehen zu werden. So verging die Zeit …

 

Es muss zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts gewesen sein, Napoleon war mal wieder auf Expansionskurs, da rief eine leise Stimme immer wieder meinen Namen: „Alexis!“ Fast hundertfünfzig Jahre war ich durch Raum und Zeit geschwebt, ohne dass mich jemand gerufen hatte. Zugegeben, zuerst hatte ich etwas unter Langeweile gelitten, denn während meines allzu kurzen irdischen Lebens hatte ich viele soziale Kontakte gehabt. Aber man gewöhnt sich schließlich an alles – auch an die Einsamkeit. Also ignorierte ich die Stimme zunächst. Aber irgendwann war nichts mehr zu ignorieren. Das zarte Stimmchen wurde immer lauter und eindringlicher. Zuletzt brüllte es mir durch das nicht mehr vorhandene Mark und Bein: „Alexis!!!!“ – „Ja, bitte?“, fragte ich zögernd. (Die ersten beiden Worte nach mehr als einhundertsechzig Jahren!) „Alexis, wir brauchen dich! Bald ist Heiligabend. Du musst bescheren!“ – „Bescheren? Ich denke, das macht das Christkind, das Jesuskind oder der Weihnachtsmann? Und wer bist du überhaupt?“ Ich hasste es, mir Befehle erteilen zu lassen, und schon gar nicht von unsichtbaren Stimmen. „Ich bin der Nikolaus!“ – „Der Zar aus Russland???“ – „Nein!!! Ich bin der heilige Nikolaus und für die Verteilung der Weihnachtsgeschenke zuständig. Ein Weihnachtsmann und ein Christkind können unmöglich die Kinder der Welt an einem Abend bescheren. Deshalb sind wir auf die Unterstützung durch andere Seelen angewiesen. Da es immer mehr Kinder gibt, werden auch immer mehr Verteiler gesucht. Jetzt haben wir dich auch zum stellvertretenden Weihnachtsmann ernannt, Engel Alexis.“ Fast wäre ich von meiner Wolke gekippt. „Engel Alexis? Und stellvertretender Weihnachtsmann?“ – „Bilde dir nichts drauf ein. Wir müssen den Menschen die Illusion wahren. Jeder Weihnachtsbote ist ein Engel und stellvertretender Weihnachtsmann. Welche Wirkung hat es wohl, wenn sie wissen, dass ihnen der Diener und Dieb Alexis die Geschenke auf den Gabentisch legt?“ Mist. Der Knabe wusste Bescheid.