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Nix mehr da!

 

Nein, die folgende Geschichte hat mit Weihnachten nichts zu tun, auch wenn vor dem Fest der Feste immer wieder manch ein Einkaufswagen überquillt.

 

Hamsterkäufe

 

 

 

Ich hatte Radio gehört und konnte es kaum glauben: Manche Supermarktregale seien wegen der aktuellen Angst vor dem bösen Virus geradezu leergefegt.

 

Bis ich heute dem Einkaufsmarkt meines Vertrauens einen Besuch abstattete. Die erste Anlaufstelle: Getränke. Von der Wassersorte, die ich bevorzuge, gab es nur noch zwei Kästen. Ich entschuldigte mich bei dem auf der Verkaufsfläche zurückgelassenen gefüllten Behältnis mit den Worten: „Tut mir leid, dass ich dir deinen Kumpel entführe. Aber ich bin sicher, du wirst sicher auch bald abgeschleppt!“ Dann blickte ich zu den wenigen Bierkästen, die der Raum noch hergab. Gängige Pils- und Kölsch-Sorten waren nahezu ausverkauft, dafür viel der hohe Flaschenbestand an „Fassbrause Apfel“ ins Auge.

 

Ich ging zum Brot. Da stand ein Mann und wühlte sich durch „Rheinisches Roggen geschnitten“. Ich beobachtete staunend, wie er sich nach Begutachtung der Mindesthaltbarkeitsdaten sieben Päckchen in den Einkaufswagen stapelte. Die Obst- und Gemüsetheke erschien dagegen gut bestückt, Tomaten, Gurken, Zitronen, Paprika – alles, was vitaminreich ist und das Immunsystem stärkt, war reichlich vorhanden. Auch die Tiefkühlabteilung wies kaum nennenswerte Lücken auf. In der Selbstbedienungs-Fleischtheke herrschte wiederum, bis auf drei einsam vor sich hin frierende Hühnerbrüstchen aus Bio-Haltung, gähnende Leere.

 

Eigentlich wäre meine Einkaufsrunde an dieser Stelle beendet gewesen, aber nun trieb mich die Neugierde weiter. Wer seine Lebensmittelbestände im Hinblick auf kommende Krisenzeiten aufrüstet, erwirbt in erster Linie Haltbares. Also: Auf zu den Konserven. Erbsen und Möhren – keine mehr da! Grüne Bohnen – ausverkauft! Dann, ich hatte es fast erwartet, wo sich sonst die Eintöpfen in Dosen befanden: leere Regale! Kartoffelpüree-Pulver, Knödel, Nudeln mit fertigen Tomatensoßen – eben alles, was ungesund, weil voller Kohlehydrate, Zucker, Fett und Zusatzstoffe ist, war nicht mehr vorhanden.

 

 

 

Warum kaufen die Leute derart ungesundes Zeug auf Vorrat? Haben sie tatsächlich Panik? Erwarten sie tatsächlich, die nächsten Monate das Haus nicht verlassen zu können, weil ihnen an jeder Ecke der böse Virus auflauert? Wenn ich mich einige Wochen nur von Konservendosen statt von frisch zubereiteten Gerichten ernährte, bekäme ich todsicher Sodbrennen oder sogar eine Gastritis. Die wäre wahrscheinlich schlimmer als der milde Verlauf einer Corona-Infektion.

 

Oder steckt etwas anderes hinter den Hamsterkäufen? Endlich mal wieder, wie in Kindertagen, Erbsen und Möhren aus dem Glas futtern oder Eierravioli aus der Dose, die früher zur „schnellen“ Küche am Samstagmittag gehörten, wenn Mutti mit Kuchenbacken beschäftigt war und keine Zeit für ein ausgefeiltes Gericht hatte. Dazu ein Bier direkt aus der Flasche – entgegen jedwede Tischkultur und ausgewogene Ernährung. So etwas ist lukullische Anarchie und die hat auch ihren Reiz. Da kommt so ein böser Virus wie gerufen ...

 

 

 

 

 

Copyright Claudia Knöfel 2020